Gustav Klimt “Wollust und Gorgone”

Studie zum Beethovenfries, Farbzeichnung von 1901, mit aktueller Provenienz- Recherche

Gustav Klimt “Wollust und Gorgone” (Ausschnitt)

Gustav Klimt, 14. Juli 1862 in Baumgarten bei Wien – 6. Februar 1918 in Wien, bedeutender österreichischer Maler, bekanntester Vertreter des Wiener Jugendstils und Gründungspräsident der Wiener Secession, hier. Bedeutende, neu entdeckte Studie zum Beethovenfries, “Wollust” und die linke “stehende Gorgone” vereint in einer Komposition, Farbstift/schwarze Tusche auf leichtem Karton, 42 x 32 cm, auf der Vorderseite in Sütterlin beschriftet: “Aus dem Nachlass meines Bruders Gustav, Hermine Klimt”, auf der Rückseite wohl nachträglich in Bleistift “43 x 54, 6/7”.

Gustav Klimt schuf den 34 x 2  Meter messenden Beethovenfries temporär zur 14. Ausstellung der Wiener Secession 1902 für den linken Seitensaal des Secessionsgebäudes, wo er zusammen mit der Beethovenstatue Max Klingers ausgestellt war. Er symbolisiert die Leiden der Menschheit und deren Sehnsucht nach Glück, die in der Poesie, der Kunst und der Musik gestillt wird. (“Freude schöner Götterfunken”). In der Darstellung der Stirnwand muss sich die Menschheit den Gefahren und Verführungen der “feindlichen Gewalten” stellen. Dort breitet sich der Gigant Typhoes fast über die gesamte Stirnwand aus. Links von ihm stehen seine Töchter, die drei Gorgonen und über diesen maskenartige Frauenköpfe, die als die Allegorien von Krankheit, Wahnsinn und Tod gelten. Die Frauen rechts des Ungeheuers versinnbildlichen die Wollust, die Unkeuschheit und die Unmäßigkeit, etwas abseits steht die abgemagerte Allegorie des nagenden Kummers.

Im vorliegenden, neu entdeckten Blatt hat Gustav Klimt die ewig menschliche Dialektik von Jugend – Krankheit/Alter, Eros und Thanatos in Form einer rothaarigen Schönheit, aus deren Schoß ein wollüstiges Odeur entströmt sowie einer ausgezehrten, schwarzen Frauengestalt, die ihre Scham schützend und bewahrend bedeckt, meisterhaft dargestellt. Das zwischen beiden Allegorien verlaufende blaue Band kann dabei über die bewusste Trennung beider Positionen als der “Strom des Lebens” verstanden werden, der die Antipoden Jugend und Alter symbolisiert und sie voneinander trennt, sie aber auch als ewig gültige, tröstende Weisheit einer höheren Instanz verbindet.

Provenienzforschung: Der österreichische Kunstsammler Carl Reininghaus erwarb den Fries 1903 zusammen mit zahlreichen Vorstudien und rettete ihn damit wohl vor der Zerstörung. 1915 verkaufte er den Fries samt vieler Vorstudien an das jüdische Sammler- Ehepaar Serena und August Lederer. Diese Vorstudien sind mit einem “R” für Reininghaus gekennzeichnet und gelten als sicheres Indiz für die Sammlung Lederer, in der sich allerdings auch Entwurfsskizzen ohne “R” befanden. Im März 1938 wurden aus der Wohnung von Serena Lederer in Wien diese bedeutende Sammlung von der Gestapo gestohlen und unter Nazi Parteigrößen in München verteilt. Bis heute gelten ca. 1448 Kunstwerke aus der Sammlung als verschollen (Lost Art – Datenbank / Deutsches Zentrum Kulturgutverluste)

Nach Gustav Klimts Tod im Jahre 1918 wurde er von seinen Geschwistern Hermine und Klara Klimt sowie von der Tochter seines Bruders Ernst, Helene Klimt, beerbt. Die Erbmasse bestand aus einem Kontoguthaben sowie Zeichnungen, Bildern, Kleidern u.a. Mehrere Mitglieder der Familie Klimt vermerkten ihr Eigentum an den ererbten Blättern, wie bei dem neu entdeckten Blatt die Schwester Hermine. Hermine Klimt starb am 9. März 1938 im Alter von 72 Jahren unverheiratet und kinderlos. Ihre Erben in gerader Linie waren demzufolge ihre noch lebenden Geschwister und deren Nachfahren Johanna Zimpel und Helene Donner. Vor ihrem Tod hat Hermine Klimt nach Angaben der Fachautorin  Alice Strobl einem “unglückseligen Rat folgend” während der Inflationszeit Zeichnungen ihres Bruders verkauft ( Alice Strobl, Gustav Klimt – Die Zeichnungen, Bd.IV, S. 221). Weiterführende Recherchen zu den bisherigen Vorbesitzern sind in einem Dossier / Provenienz-Bericht von Dr. Nicolai Kemle, Kemle Rae / Kanzlei für Kunstrecht, Heidelberg 2021 dokumentiert.

“Ein Raubkunstverdacht scheidet nach derzeitigem Kenntnisstand aus”, der aktuelle Provenienzbericht liegt dem Art-Loss-Register vor.

Dr. Thomas Nörling